Peter Pilz tritt nach Anschuldigungen der sexuellen Belästigung zurück. Ich muss sagen, dass ich nicht überrascht war, als ich von den Vorwürfen gehört habe. Ein Mann, der als egomanischer Macho bekannt und darauf auch noch stolz ist, soll sich auch tatsächlich so benommen haben? Was. Für. Eine. Überraschung.

Peter Pilz tritt also zurück, noch bevor die nach ihm benannte Liste im Nationalrat angelobt werden kann. Zwei Frauen werfen ihm sexuelle Belästigung vor. In seiner Abschieds-Pressekonferenz stellt sich Pilz als ehrenvollen, geläuterten Helden mit ein paar Macken dar, der zwar Fehler begangen hat (an die er sich nicht mehr erinnern kann), aber vor allem Opfer einer politischen Racheaktion ist. Aber alles der Reihe nach: was ist eigentlich passiert?

Am Freitag tauchten erste Meldungen auf, dass eine ehemalige Assistentin Peter Pilz 40 verschiedene Fälle von sexueller Belästigung vorwirft. Diese sollen sich 2015 ereignet haben, als Pilz noch bei den Grünen war. Laut einem Bericht der Presse handelt es sich dabei sowohl um verbale Belästigungen, als auch unsittliche Berührungen. Nach Einbeziehung der Gleichbehandlungsanwaltschaft und der grünen Klubspitze wurde der Fall auf Wunsch der Betroffenen nicht öffentlich gemacht. Ein Mediationsprozess scheiterte laut Gleichbehandlungsanwaltschaft. Die Betroffene wurde – ebenfalls auf eigenen Wunsch hin – versetzt.
Aber dieser Fall – wenn er stimmt durch das hierarchische Arbeitsverhältnis nochmal problematischer – ist es nicht, der Peter Pilz zum Rücktritt gebracht hat. Er sieht hier eine falsch dargestellte Situation, eine karrieregeile junge Frau und einen Rachefeldzug mit politischer Absicht von wahlweise der ehemaligen Mitarbeiterin, den Grünen oder schwarz-blau. Es steht Aussage gegen Aussage.

Samstag Früh kamen jedoch weitere Vorwürfe hinzu. Die dieses Mal von Männern gestützt wurden. Nachdem sich noch am Vorabend Zeugen auf Twitter gemeldet hatten, konfrontierte Florian Klenk vom Falter Pilz mit dem Fall einer Mitarbeiterin der EVP, die aussagte, von Pilz beim Alpbach Forum 2013 aggressiv begrapscht worden zu sein.

„Seine Hände waren überall! Zuerst umklammerte er meinen Arm, mit der anderen Hand war er meinem Hals und dann an meinem Busen und Rücken. Auch sein Gesicht war viel zu nahe an mir.“
Mitarbeiterin der EVP im Falter über Peter Pilz

Nach diesem, durch Zeugen gestützten, Vorwurf, verkündete Pilz seinen Rücktritt. Erinnern konnte er sich an den Vorfall nicht. Tja, die Frau wohl schon. Sie hat sich gefragt, warum das ausgerechnet ihr passieren musste. Hat vermutlich über ihre eigene Reaktion nachgedacht, und hinterfragt, ob sie nicht anders hätte reagieren sollen. Hat vermutlich auch noch lange danach seine Hände an ihrem Hals und auf ihren Brüsten gespürt. Ob Pilz oder Spacey, für die Täter ist es ein kleiner Zwischenfall, sofort wieder vergessen, mit einer Handbewegung abgetan. Die Betroffenen kauen länger daran, ordnen das Erlebnis in ihre Sammlung an derartigen Geschichten ein, werden noch ein Stück weit vorsichtiger. Wer nie, oder nur sehr spät, sieht, wie ein solches Verhalten verurteilt wird, hinterfragt sich zwangsläufig selbst.

„Der will doch nur spielen“

Sexuelle Belästigung gilt immer noch als Kavaliersdelikt. Das hat der doch nicht so gemeint. Sie soll sich nicht so haben. Das war alles nur Spaß. Er war angetrunken, da zählt das nicht. Früher hat man das auch so gemacht. Sie wollte es doch so, es hat ihr Karrierevorteile gebracht. Sie wollte es doch so, sie war betrunken. Sie wollte es doch so, sie hatte einen kurzen Rock an.

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Die beruflichen Leistungen und Errungenschaften des mächtigen alten Mannes werden gegen die – meist deutlich weniger mächtige und deutlich jüngere – Frau aufgewogen. Wegen so einer Lappalie wird man doch keine Karriere zerstören. Es werden Hexenjagden konstruiert, nur weil Frauen die Frechheit haben, zu verlangen, nicht gegen ihren Willen angefasst oder von ihrem Chef „Schatzi“ genannt zu werden. Noch immer liegt die Bringschuld in solchen Situationen auf uns Frauen. Es wird verlangt, dass die Frauen Grenzen setzen, sich wehren, an die Öffentlichkeit treten. Wir reden von „Frauen, die sexuell belästigt wurden“, nicht von „Männern, die sexuell belästigen“.

Mit welcher Motivation sollte eine Frau an die Öffentlichkeit gehen, wenn sie dort ins Scheinwerferlicht gezerrt wird und vor aller Augen ihre Glaubwürdigkeit, ihr gesellschaftlicher Wert, ihr Aussehen und ihre sexuelle Moral hinterfragt werden? Wo der Mob doch alles, was nicht zumindest knapp unter einer Vergewaltigung ist, als „eh nicht so schlimm“ bewertet. Bei einer echten sexuellen Belästigung müssen schon zumindest ein blauer Fleck in Handform und ein paar zerrissene Kleidungsstücke herausschauen. (Außer, der Täter war Asylwerber. Dann reicht schon das respektlose Ansprechen „unserer Frauen“.)

Es braucht anscheinend öffentliche Kampagnen wie #metoo und daraus resultierende Rücktritte und Konsequenzen, damit einige verstehen, dass auch von mächtigen Männern als harmlos wahrgenommene Situationen problematisch sein können.

„Ich bin sehr dafür, dass wir Männer in solchen Positionen darüber nachdenken. Nicht nur wie unsere Absichten sind und wie wir persönlich etwas empfinden. Sondern, wie das auch welche, die für uns arbeiten und in einer schwächeren Position sind, nicht nur, aber insbesondere, wenn es Frauen sind, wie sie das empfinden und wie es bei ihnen ankommt. Und ich glaube, da wird bei mir schon auch etwas gefehlt haben. Und da werden einige wie ich auch etwas dazulernen müssen.“
Peter Pilz zeigt späte Einsicht

Peter Pilz hat in seiner Pressekonferenz dann noch so etwas wie späte Einsicht gezeigt. Die Erkenntnis, dass man hinterfragen kann und sollte, was die eigenen Handlungen bei anderen auslösen, ist wenig spektakulär. Das nennt man Empathie. Sie sollte selbstverständlich sein. Die Tatsache, dass ich mit einer Situation kein Problem habe, sagt nichts über mein Gegenüber aus.

„Regt euch nicht so auf“

Natürlich sind nur wenige der sexuellen Belästigungen, die jetzt allerorts ans Licht kommen, vom Kaliber Harvey Weinstein. Zum Glück. Aber es sind zu viele, als dass man sie als Ausrutscher qualifizieren und ignorieren kann. Ich denke an meine letzte Woche: Am Montag hat ein Mann, der mindestens 20 Jahre älter war als ich, auf der Tanzfläche seinen erigierten Penis an meinen Rücken gepresst. Am Dienstag hat mich ein Mann in der U-Bahn so lange anzüglich von oben nach unten taxiert, dass ich den Platz gewechselt habe. Am Donnerstag habe ich auf willhaben einen Kommentar zu meiner Figur bekommen, mit Handynummer und Aufforderung, mich zu melden. Dazu ein paar unangenehme Blicke, eine ungewollte Annäherung und ein paar Bemerkungen, über die ich nicht wirklich lachen konnte.
Ich habe mich in keiner dieser Situationen bedroht gefühlt, mir ist nichts wirklich Schlimmes passiert. Aber sich damit zu beschäftigen, die Situation wegzuschieben kostet Energie. Energie, die wir Frauen so viel sinnvoller einsetzen könnten.

 

Update am 6.11.: Peter Pilz hat seitdem seine Einsicht relativiert und sieht jetzt auch hinter den Alpbach-Vorwürfen eine politische Verschwörung. Die Betroffene ist Mitglied der EVP, ein Zeuge in der SPÖ (als erster gemeldet hat allerdings ein anderer) – nicht ungewöhnlich auf einem politischen Forum, würde man meinen. Aber so haben sich alle zu einer großen Verschwörung gegen Peter Pilz zusammengefunden. Die ÖVP, um die Opposition von schwarz-blau zu schwächen, die Grünen aus Rache und die SPÖ wohl aus Langeweile, weil man jetzt nichts mehr zu tun hat. Wer hätte gedacht, dass österreichische Politiker so brilliante Intrigen spinnen können?

 

Die Pressekonferenz von Peter Pilz ist beim ORF oder bei mehreren Tageszeitungen als Video(-Ausschnitt) zu sehen. Das Transkript, aus dem auch die hier verwendeten Zitate stammen, gibt es auf neuwal.com.

Bei der APA gibt es Presseaussendungen zur Causa Pilz von Eva Glawischnig und der Liste Pilz.

Die Screenshots stammen aus den Foren der Krone und des Standard. Ich kann einen Besuch dort nicht empfehlen.

Eine wissenschaftliche Analyse der Sexismus-Debatte und ihrer Streitpunkte gibt es hier. Sie stammt aus 2014 und belegt einige Argumente klar, die drei Jahre später immer noch hinterfragt werden.