Die schwarzblaue Koalition verhandelt fleißig und veröffentlicht erste Ergebnisse. Eine Zwischenbilanz.

Die ersten Einigungen für das schwarzblaue Regierungsprogramm sickern durch und es wirkt wie eine Rückkehr in die 1960er Jahre. Vielleicht auch die 50er oder 70er. So genau weiß ich das nicht, weil ich keine dieser Epochen auch nur ansatzweise miterlebt habe. Deshalb finde ich es jetzt natürlich richtig super, den damaligen Polit-Geist aus erster Hand nachempfinden zu können.

Blauer Dunst

Da wäre zunächst einmal die Sache mit dem Rauchverbot. Das jetzt nicht so wirklich durchgesetzt wird, weil eigentlich die bisherige österreichische Lösung anscheinend schon zu restriktiv war. Die FPÖ betreibt damit glasklare Klientel-Politik, wirklich langfristig gedacht ist das natürlich nicht. Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs ist übrigens seit 1962 wissenschaftlich belegt.

Trotzdem scheinen die künftigen Regierungsparteien die Liebe der Österreicher zu ihren Lastern überschätzt zu haben. Die Petition für ein generelles Rauchverbot hat mit derzeitigem Stand in den letzten drei Tagen über 297.000 Unterschriften gesammelt. Die FPÖ wünscht sich übrigens eine rechtlich bindende Volksabstimmung für Volksbegehren ab 250.000 Unterschriften. Vermutlich überdenkt sie diese Forderung gerade nochmal.

Und alles wieder auf Anfang

In der Bildungspolitik ist das derzeitige Credo scheinbar vor allem, die Maßnahmen der letzten Jahre wieder rückgängig zu machen. Ob Studiengebühren oder Noten für Volksschüler, bereits Abgeschafftes wird wieder eingeführt. Ich sehe nicht alles davon so tragisch wie manch andere, ich glaube durchaus, dass es Volksschülern zuzumuten ist, mit Ziffernnoten beurteilt zu werden.

Was fehlt, sind vor allem weiterführende Pläne. Wie werden finanziell schwache Studierende unterstützt? Welche Maßnahmen soll es geben, sodass ein durchlässiges Bildungssystem nicht nur ein Schlagwort ist? Ist Durchlässigkeit überhaupt erwünscht?

Du sollst arbeiten

Ein größerer Punkt, auf den sich ÖVP und FPÖ geeinigt haben, ist die Anhebung der maximalen Arbeitszeit auf zwölf Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich. Während sich in anderen Gegenden der Welt Leute über Automatisierung, Roboter, KIs und den damit zusammenhängenden Wegfall von Arbeitsplätzen Gedanken machen, arbeiten wir einfach mehr.

Natürlich ist das in manchen Branchen bereits jetzt schon möglich und in seltenen Fällen vielleicht auch sinnvoll. Aber bei einer längeren Arbeitszeit sinkt die Produktivität und steigt die Unfallgefahr. Auf der anderen Seite stehen Startups wie Bike Citizens aus Graz, die mit einer Vier-Tage-Woche auskommen. Eine Flexibilisierung der Arbeitsmodelle ist nur dann eine wirkliche Flexibilisierung, wenn sie Möglichkeiten für beide Richtungen und auch die dementsprechende Unterstützung bietet.

Wenn ich an unser aller Zukunft denke, schaut das neue Arbeitszeit-Modell alt aus.

Ein Blick in die 1960er Jahre zeigt, wer auf die Kinder aufpasst, den Haushalt schmeißt und sich hinter den Herd stellt, wenn andere zwölf Stunden arbeiten. Das ist durchaus im Sinne der FPÖ. Aber mit ganztägiger, leistbarer Kinderbetreuung in jedem Dorf, dem Recht auf Putzhilfen auch für Geringverdiener und langen Ladenöffnungszeiten natürlich heute in Österreich kein Problem. (Ich warte täglich auf die Ankündigung dieser Maßnahmen.)

Vielleicht habe ich in dieser Causa einen untypischen und seltenen Blickwinkel und die Realität sieht ganz anders aus. Aber ich kenne niemanden in meinem Alter, der eine 60-Stunden-Woche anstrebt. Im Gegensatz zu den 60ern müssen und wollen inzwischen beide Geschlechter Karriere mit Haushalt und Familie vereinbaren. Das Leben in einer Firma zu verbringen ist nicht mehr zeitgemäß, das derzeitige Buzzword „Work-Life-Balance“. Wenn ich an unser aller Zukunft denke, schaut das neue Arbeitszeit-Modell alt aus.
Zeit für Veränderung.