Die BESTE, TOLLSTE Angelobung mit der GRÖSSTEN Menschenmenge, die Amerika je gesehen hat, jährt sich heute zum ersten Mal. Zeit für einen Rückblick.

Auf der positiven Seite ist anzumerken, dass die Welt noch steht. Das politische Gefüge ist wohl stabiler als gedacht und der Atomangriffsknopf scheint zumindest bisher nicht in Reichweite zu liegen. Andererseits benimmt sich Trump ungefähr so vernünftig, wie es nach seinem Wahlkampf zu erwarten war. Natürlich tut er das.

Trumps erstes Jahr begann schon glorios mit dem Muslim Ban. Es folgten der Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen, gewalttätige Neonazi-Proteste in Charlottesville von „very fine people“, die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels, unzählige Personalwechsel, ein Kräftemessen mit Nordkorea und ein russischer Verwicklungs-Plot, der für mehrere John-Le-Carré-Romane reichen würde. Um nur ein paar meiner persönlichen Highlights zu nennen.

Es war aber auch das Jahr von falschen Publikums-Zahlen und „covfefe“, von Schimpfwörtern, Großbuchstaben und sehr vielen Rufzeichen. Trump schafft es, die Medieninhalte zu beeinflussen wie kaum ein demokratisch gewählter Politiker vor ihm und das ohne sich in ernsthafter Weise damit abzugeben. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass er sich im Umgang mit Journalisten vom thailändischen Premierminister inspirieren lässt:

Das Problem ist, dass wir alle mitspielen. Nach jedem besonders bescheuerten Tweet dauert es wieder ein paar Tage, bis wir uns genug lustig gemacht haben und zur sachpolitischen Tagesordnung übergehen können. Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass diese Reflexhaftigkeit[1] im Laufe des Jahres abgenommen hat, aber dann haben wir uns in den letzten Wochen doch wieder nur mit der Größe seines Atomwaffenknopfs, „shit hole countries“ und seinem Gewicht beschäftigt. Ich habe keine Ahnung, was Trump in dieser Zeit politisch getrieben hat.

Es ist schwierig, bei provokanten und untragbaren Aussagen eine Balance zwischen „ignorieren, er will ja nur die Aufmerksamkeit“ und „reagieren, verurteilen“ zu finden. Und hier sind wir schon bei einer Parallele zur österreichischen Innenpolitik, die ebenfalls Regierungsmitglieder mit Vorlieben zur sprachlichen Provokation zu bieten hat[2]. Genau wie bei Trump reagieren wir zurecht schockiert, aber auch vorhersehbar und fremdgesteuert.

Ebenfalls eine Parallele ziehen lässt sich zwischen der Reaktion der Republikaner auf Trumps Äußerungen und der der ÖVP auf die ihres Regierungspartners. Oder eher der Nicht-Reaktion. Wie scheinheilig und mundtot sich viele Politiker angesichts der Ausfälligkeiten ihrer Partei- oder Koalitions-Kollegen geben ist ein Wahnsinn. Alles für den Machterhalt.

Reflexhafte Reaktionen, die drei Tage andauern, kann man sich sparen. Zu verurteilen sind solche Aussagen trotzdem, wenn wir nicht in die Verrohung abdriften wollen. Das betrifft uns alle. Politische Gegner, Wähler, Parteikollegen und Regierungspartner.

[1]Eine schöne visuelle Übersicht gibt es hier.

[2] Für alle, die das Glück hatten, diese ruhmreiche Episode zu versäumen: Der österreichische Innenminister Kickl sprach davon, Asylwerber "konzentriert" in Lagern unterzubringen. Wie die Terroranschläge in Frankreich und Brüssel gezeigt haben, ist Ghettobildung zwar eine spektakulär schlechte Idee, jedoch hat der gut formulierte Vorschlag Kickl immerhin einen Auftritt in internationalen Medien von BBC bis New York Times gesichert.