Eigentlich will ich seit einigen Wochen einen Beitrag über Zugehörigkeit schreiben. Aber die Ereignisse in Chemnitz zwingen einen, auf ganz andere Weise zu hinterfragen, was alles zu Europa gehört.

Nach einer tödlichen Messerattacke – mutmaßlich durch einen Syrer und einen Iraker – zieht ein rechtsextremer Mob durch die Straßen. Einige von ihnen jagen Andersaussehende, sie zeigen den Hitlergruß und schreien Parolen wie „Frei, sozial und national“. Das alles passiert jetzt, im Jahr 2018. Und mitten in Europa. Die Bilder dieser Demonstration sind so abstoßend, dass sie jedem einen Schauer über den Rücken jagen sollten, der je ein Geschichtsbuch aufgeschlagen hat.

Das alles passiert jetzt, im Jahr 2018. Und mitten in Europa.

Die ersten Stimmen suchen die Schuld schon bei Merkels Flüchtlingspolitik und der Elite, die die „Sorgen der Bürger“ einfach nicht ernst nimmt. Aber wer Naziparolen grölt und Jagd auf Menschen macht, nur weil ihre Hautfarbe der eines mutmaßlichen Mörders ähnelt, hat jedes Recht darauf, als gleichwertiger Gesprächspartner angesehen zu werden, verwirkt. Mit gutem Grund werden gewaltbereite, linksextreme Demonstranten vom G20-Gipfel nicht zu Wirtschaftsentscheidungen befragt. Nur bei der rechten Seite wird immer gesagt, dass man mit denen doch „reden muss“. Nein, muss man nicht. Rassismus und Hass werden dadurch nur normalisiert, bringen tut es – wie man sieht – nichts. Wir bemühen uns, die Flüchtlingskrise im Sinne derer zu lösen, die eigentlich keine Lösung haben wollen. Rechtspopulistische Parteien leben davon, dass eben nicht alle Probleme geklärt sind.

Wir bemühen uns, die Flüchtlingskrise im Sinne derer zu lösen, die eigentlich keine Lösung haben wollen.

Natürlich, nicht alle dieser Demonstranten waren wohl eingeschworene Nazis. Einige sagten, sie wollen nur  ihre Betroffenheit nach der Messerattacke zum Ausdruck bringen. Lobenswert. Aber wo sind diese Demonstranten, wenn ein Deutscher seine Frau zu Tode prügelt? Ein eifersüchtiger Mann seine Ex-Freundin ersticht? Wo sind die unzähligen Demonstrationen gegen häusliche Gewalt? Wer hier plötzlich auf Betroffenheit verweist, kaschiert damit nur lupenreinen Rassismus.

Dieser Rassismus, dieser Hass ist wieder salonfähig geworden und das nicht erst seit Chemnitz. Politiker stacheln ihn mit Worten wie „Neger“ und „Schwuchtel“ an, aber auch mit den beinahe schon alltäglichen Tiraden gegen die bösen, faulen Migranten. Unzählige Menschen übertreffen sich in Kommentarspalten mit Widerlichkeiten. Sie freuen sich nicht nur darüber, wenn andere Menschen auf der Flucht sterben, sie wünschen es ihnen. Diese Leute werden als „besorgt“ anerkannt und bilden in der Wahrnehmung oft den gesamten rechten Diskurs ab. Dass man schon als links gilt, wenn man gegen Nazis und gegen das Ertrinken von Flüchtlingen ist, ist eine Verhöhnung von konservativen Politikern. Man sollte nicht weit links stehen müssen, um gegen Nazis zu sein.

Dieser Rassismus, dieser Hass ist wieder salonfähig geworden und das nicht erst seit Chemnitz.

Und sich gegen Nazis zu positionieren sollte – gerade bei uns – eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. In diesen Zeiten darf man nicht mehr unpolitisch sein. Es ist selbst rückblickend oft schwer zu sagen, welche Momente in der Geschichte wichtige Auslöser oder Wendepunkte waren. In der Gegenwart ist es noch schwieriger, den Absprung zu finden – den einen Moment, an dem es zählt. Aber wir erleben jetzt einen Diskurs, bei dem wir endlich sehen können, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten. Lassen wir es nicht so weit kommen.

Empfehlung an dieser Stelle: "Leere Herzen" von Juli Zeh - Für alle, die noch nicht genug Angst um unsere Demokratie haben: Gruselig nah, die "Besorgte Bürger Bewegung" ist an der Macht, politische Überzeugungen sind ein unnötiger Luxus.