Deshalb sind Feministinnen immer so zornig.

In meiner Schulzeit wurde bei Bewerbungstrainings ein Ratschlag sehr deutlich gemacht: Wir müssten aufpassen, dass nirgendwo in diesem Internet auch nur ansatzweise Partyfotos von uns existieren. Ein Bild mit einer Bierflasche – egal ob man daraus trinkt oder nicht, die Nähe zählt – und wir wären beim Arbeitgeber unten durch. Wie schön, dass für 16-jährige Ferialpraktikanten strengere Regeln gelten als für amerikanische Höchstrichter.

Unschuldsvermutung vs. Minimalansprüche

Ich weiß nicht, ob Brett Kavanaugh 1982 versucht hat, Christine Blasey Ford zu vergewaltigen oder die anderen beiden Anklägerinnen belästigt hat. Ja, es kommt mir realistischer vor, dass er so betrunken war, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, als dass sie 2012 die Geschichte erfunden und ihrem Therapeuten erzählt hat, für den Fall, dass vier Jahre später Donald Trump Präsident wird und dann zwei Jahre später Kavanaugh zum Höchstrichter machen will. Trotzdem, solange nichts bewiesen werden kann, gilt natürlich die Unschuldsvermutung – es will ihn ja auch niemand einsperren. Ob man ihn lebenslang zu einem der mächtigsten Richter der USA machen soll, ist aber eine andere Frage.

Schon allein die Darbietung bei seiner Anhörung versprach nicht gerade das, was man mit einem Richter grundsätzlich verbindet: Würde, Besonnenheit, Unparteilichkeit. Auch mit so einem Verhalten im Vorstellungsgespräch hätte man mit 16 keinen Ferialjob bekommen.

Dann kann ja jede einfach …

Wenn ich noch einmal höre, dass dann ja jede Frau einfach so irgendwelche Anschuldigungen erstellen kann, dann schrei ich. Dr. Christine Ford hat wegen ihrer Anschuldigungen Morddrohungen erhalten, sie wurde wüst beschimpft, ihre E-Mails wurden gehackt, ihre Anschrift und die ihrer Familie öffentlich geteilt. Und das alles dafür, dass der Mann jetzt doch Höchstrichter wird. Wow, da hat sie es ihm aber gezeigt.

Öffentliche Belästigungsanschuldigungen sind für Frauen immer noch mit Hass und Drohungen gegen sie verbunden und weit weg von einer Abkürzung zu Ruhm und Reichtum. Selbst als Racheinstrument eignen sie sich schlecht, da die zerstörte Karriere des Beschuldigten keineswegs vorbestimmt ist. Oft ist es eher das öffentliche Bild der Frau, das danach zerstört ist. Dazu kommt, dass sexuelle Belästigung für Frauen immer noch mit sehr viel Scham verbunden ist: Victim Blaming – so tief in der Gesellschaft verankert, dass es schwer aus den Köpfen zu kriegen ist.

Und jetzt?

Donald Trump wird aus dieser Geschichte gestärkt hervorgehen: Sie hat ihm einmal mehr gezeigt, dass er einfach mit allem durchkommt. Für sehr viele Frauen ist die Kavanaugh-Bestätigung ein Schlag ins Gesicht. Sie zeigt, dass Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist: Nicht, solange der Wert, der unseren Aussagen beigemessen wird, so niedrig ist.

Nicht, solange die Ansprüche, die an das Verhalten von Männern und Frauen gestellt werden, so unterschiedlich sind. Solange es heißt, dass es keine Frauenquote geben darf, weil dann ja die Qualität sinkt. Aber eigentlich egal welcher Mann Höchstrichter werden kann, solange die politische Einstellung passt. Hoffen wir, dass die Demokratische Partei durch diese Geschichte aufgeweckt wird.

Ich weiß, dass von meinen Lesern und Leserinnen vermutlich echt niemand bei der Wahl zum Repräsentantenhaus etwas zu sagen hat, aber diese Werbung ist trotzdem EXTREM gut - und so ein bisschen kann man sie ja auch auf die nächste Wahl bei uns anwenden: https://www.youtube.com/watch?v=t0e9guhV35o