Heute ist Weltschnitzeltag. Zeit für ein paar Statistiken.
Und schlechtes Gewissen.

Die Österreicher essen pro Kopf durchschnittlich 65kg Fleisch im Jahr (Deutschland: ca. 60kg)1Hier ist es wichtig, zwischen dem Fleischverzehr – also wieviel Fleisch wir essen – und dem Fleischverbrauch zu unterscheiden. Beim Verbrauch werden auch die Teile (Hörner, Haut, Haare…) der Tiere mitgerechnet, die wir nicht essen. Also quasi wieviele Kilogramm Tier wir verbrauchen. Diese Zahl liegt dementsprechend deutlich höher – in Österrreich bei etwa 97kg.– das sind etwa 260 größere Schnitzel, oder fünfmal pro Woche eines. Es sollte nicht erst der Regenwald brennen müssen, damit wir erkennen, das das zu viel ist.

Trotzdem ein bisschen Optimismus

Es ist nicht alles schlecht: Nach Jahren, in denen der Klimaschutz ein „eigentlich sollte man ja“-Dasein gefristet hat und auf (nie auftauchende) künftige Zeiten verschoben wurde, reden wir jetzt wenigstens über CO2-Steuern. Eine Klimastrategie ist nicht nur für die Grünen ein Muss, der brennende Regenwald war das wichtigste Thema des letzten G7-Gipfels, Greta Thunberg hat über 3 Millionen Instagram-Follower und Spar verkauft Bienenwachstücher. Etwas ändert sich.

An dieser Stelle etwas Platz für ehrliche Freude: Gerade läuft auf dieser Welt politisch so viel schief, dass wir uns freuen sollten, wenn irgendetwas sich - wenn auch noch so langsam - in die richtige Richtung entwickelt.

Heiligtum Schnitzel

Aber während die „flygskam“ mittlerweile zum allgemeinen Feuilleton-Vokabular gehört und die meisten Menschen beim Fliegen wohl zumindest ein vages Unrechts-Bewusstsein haben, ist der Streit ums Fleisch weniger klar.

Wir müssen aufhören, Fleisch zu essen, als würde es auf Bäumen wachsen, denn es wächst statt Bäumen.

Viehwirtschaft ist verantwortlich für ca. 8% des weltweiten CO2-Ausstoßes (die Luftfahrtindustrie für 2%). Dazu kommen Bodenerosion, -versäuerung und ein enorm hoher Wasser- und Flächenverbrauch. Wir müssen aufhören, Fleisch zu essen, als würde es auf Bäumen wachsen, denn es wächst statt Bäumen. Wenn der Amazonas-Regenwald brennt, tut er das, um Platz für Soja für eine Viehwirtschaft zu schaffen, die wir nicht aufgeben oder auch nur reduzieren wollen.

Geht es darum, den nationalen Schnitzel-Konsum etwas einzudämmen, sehen die Rechten schnell einmal das Abendland in Gefahr. Aber auch die Sozialdemokraten verkünden „das Schnitzel darf kein Luxus werden“ – dabei muss es genau das sein: Ein Luxus auf Kosten von Umwelt, Tierwohl und eigener Gesundheit. Ein Luxus, den man sich leisten kann, aber vielleicht nicht jeden Tag sollte.
Davon abgesehen: Würden unsere Politiker etwas gegen steigende Mieten und sinkende Reallöhne tun statt den Untergang der österreichischen Esskultur heraufzubeschwören, könnten wir uns auch alle ein angemessen bepreistes Bio-Schnitzel leisten.

Die Veggie-Blase

Wie bei so vielen Themen findet man sich auch beim Schnitzelstreit schnell in einer Blase wieder: In meinem Umfeld haben zumindest fast alle jungen Frauen2Dass das Thema klimafreundliche Ernährung mehr von Frauen als Männern aufgegriffen wird, ist natürlich ein persönlicher Eindruck aus meinem Umfeld. Studien haben aber gezeigt, dass Klimaaktivismus oft als grundsätzlich weiblich angesehen wird und Männer grünes Verhalten als „unmännlich“ ablehnen; auch die Werbung verstärkt nur allzu oft die Verbindung zwischen Fleisch (Grillen!) und Männlichkeit. Auf gesellschaftlicher Ebene korreliert Klimawandelskepsis nur allzu oft mit Frauenhass. ihren Fleischkonsum drastisch reduziert, viele bemühen sich, vegetarisch oder vegan zu leben.

Man ist leicht versucht, das für die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft zu halten, aber dann öffnet man mal wieder einen Kühlschrank, der zur Hälfte mit Speck und 30er-Eierkartons gefüllt ist. Oder man bekommt die „aber was isst du denn dann?“-Frage, als hätten die Fragesteller noch nie was von Pizza, Pasta und Reis gehört. Oder aber man betritt eine x-beliebige österreichische Kantine. – Dann zeigt sich relativ schnell, wie ausbaufähig das Klimabewusstsein noch ist.

Müssen wir jetzt alle vegan leben?

Oft sehe ich das Verlagern von Klimaschutz auf den oder die Einzelne/n kritisch: Zu leicht verzetteln wir uns zwischen Selbstoptimierung, Schuldgefühlen und Erschöpfung so sehr, dass wir keine Zeit oder Energie mehr haben, etwas von Politik oder Wirtschaft zu fordern (dazu hoffentlich bald mehr).

Aber das hier, daran könnten wir alle mit kleinen Schritten arbeiten. Kleine Schritte um einmal anzufangen und nicht der „das bringt doch eh alles nichts, so lange wir nicht alle Veganer sind“-Argumentation zu verfallen.

Laut einer Studie der Boku könnten die Österreicher, würden sie um ein Fünftel weniger Fleisch essen und Lebensmittelabfälle vermeiden, auf Importe von Soja und Palmöl verzichten. Außerdem könnten jedes Jahr über 2 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden – das sind 2 Millionen Hin-und-Zurück-Flüge zwischen Wien und New York.

Egal, was deine jeweilige Fleisch-Baseline ist: Ein Fünftel sollten wir doch alle schaffen. Es wäre ein Anfang.